Fast zwei Jahre. So lange hat sich eine Kundin von mir den Kopf darüber zerbrochen, ob eine Person aus ihrem Umfeld überhaupt noch mit ihr zu tun haben will. Zwei Jahre, in denen sie jede Kleinigkeit gedeutet hat, und jede Deutung ging in dieselbe Richtung.
Dann hat sie eine einzige ehrliche Mail geschrieben. Die Antwort: Natürlich, sehr gern.
Zwei Jahre Kopfkino für eine Frage, die in fünf Minuten geklärt war. Und das ist kein Einzelfall. Ich erlebe das ständig, in Teams genauso wie in Geschäftsleitungen.
Annahmen sind immer der Worst Case
Wir Menschen arbeiten viel zu viel mit Annahmen, statt für Klarheit zu sorgen. Und das Tückische daran: Annahmen sind immer Worst-Case-Szenarien bei uns. Die anderen finden uns zu anstrengend. Die Chefin will uns eigentlich loswerden. Wir als Mensch sind nicht genug, wir gefallen der anderen Person nicht.
Ich will jetzt keine Zahl in den Raum werfen, aber wenn ich es müsste, würde ich sagen: Zu 95 Prozent sind diese Annahmen nicht zutreffend. Trotzdem bauen wir darauf. Wir reagieren auf etwas, das so nie gesagt wurde, und der andere reagiert wiederum auf unsere Reaktion. So entstehen Konflikte, die man eigentlich so leicht aus der Welt schaffen könnte.
Für mich sind Annahmen der Tod einer jeden Beziehung und einer jeden Kommunikation. Das gilt in der Partnerschaft genauso wie zwischen Teamleitung und Team.
Ein Punkt ist ein Schlag
Was hilft? Eine Methode, die so simpel ist, dass sie im Alltag ständig untergeht: Statt einen Punkt am Ende des Satzes zu machen und damit eine Annahme als Tatsache hinzustellen, setze ich ein Fragezeichen ans Ende.
„Du willst nicht mit mir zusammenarbeiten.“ Das ist eine wertende Aussage, die wir als Tatsache formulieren. Dabei ist es lediglich unsere Annahme. Menschen reagieren darauf, ohne dass sie es wollen, ganz unbewusst: Sie gehen in den Verteidigungsmodus, sie werden schnippisch. Es ist ein Schlag in die Magengrube.
„Kann es sein, dass du gerade nicht mit mir zusammenarbeiten willst?“ Das ist kein Vorwurf und auch keine Tatsachenfeststellung. Das ist eine neugierige Frage. Neugier ist keine Wertung. Jetzt kann mein Gegenüber entscheiden, was mit dieser Frage passiert.
Eine Coachee von mir steckte vor Kurzem in einem Mail-Wechsel mit ihrer Vorgesetzten fest. Die letzte Antwort war knapp und klang für sie wie eine Abfuhr (Annahme!). Ihr Plan: gar nicht mehr antworten, die würde ja eh alles abstreiten (Annahme!). Ich habe ihr gesagt: Das ist wie Ping-Pong. Der Ball liegt jetzt auf deiner Seite, und statt ihn zurückzuspielen, lässt du ihn im Sumpf der Annahmen versinken und ärgerst dich. Wir haben dann zusammen eine Antwort formuliert, die nichts unterstellt und nichts androht, sondern einfach fragt: Habe ich das gerade richtig verstanden? Die Verantwortung für die Konsequenzen bleibt da, wo sie hingehört.
Kopfkino implodiert
Besonders gefährlich wird es, wenn Annahmen gar nicht ausgesprochen werden. Wer bei Unsicherheit in den Rückzug geht, schafft keine Aufklärung. Man sieht in dem Moment die andere Perspektive nicht, und dann suhlt man sich in seiner eigenen. Das Bild formt sich nur noch aus den eigenen Informationen, und die Annahme wird größer und größer.
Irgendwann knallt es. Entweder explodiert es an einer ganz anderen Stelle, und alle wundern sich über eine völlig übertriebene Reaktion. Oder es implodiert. Das Implodieren ist schlimmer als das Explodieren, weil es von außen niemand mitbekommt.
Und selbst wenn die Annahme mal stimmt? Dann tut die Antwort im ersten Moment weh. Aber dann hab ich Klarheit. Und vielleicht steckt in dem, was ich höre, sogar etwas, an dem ich wachsen kann. Wer gar nicht erst fragt, verwehrt sich genau das.
Was Sie ab morgen ausprobieren können
Sie brauchen dafür kein Training. Sie brauchen ein paar Sätze, die Sie griffbereit haben, wenn der Puls hochgeht.
„Habe ich das gerade richtig verstanden?“ ist mein Klassiker, schriftlich wie mündlich. Er nimmt die Schärfe raus und lässt dem anderen die Möglichkeit, zu korrigieren. Obacht mit dem Tonfall. Es darf nicht vorwurfsvoll klingen.
„Ich habe da etwas gehört, und das irritiert mich.“ Wer so einsteigt, konfrontiert nicht, sondern öffnet. Und schon ist da eine ganz andere Dynamik.
Und dann gibt es noch das, was ich die Columbo-Methode nenne. Der hat sich ja immer ein bisschen dumm gestellt, ganz naiv nachgefragt, und die Leute haben ihn unterschätzt. „Hey, ich hab es jetzt nicht verstanden, sag es mir nochmal.“ Funktioniert erstaunlich gut, gerade bei Menschen, die gern mit vielen Worten ablenken.
Das Wichtigste passiert aber vorher, im eigenen Kopf. Prüfen Sie immer wieder: Ist das gerade eine Annahme? Und wenn ja, darf es auch ein paar Tage dauern, bis Sie den Mut finden, nachzufragen. Hauptsache, Sie fragen.
Wir müssen in der Kommunikation viel mehr für Klarheit sorgen. Das ist wirklich das A und O. Oder, wie ich es gern sage:
Wir arbeiten nicht mehr mit Annahmen. Wir sind neugierig.
