Wer nach den Stärken einer guten Führungskraft sucht, stößt schnell auf Listen. Kommunikationsstärke steht fast immer darauf, dazu Durchsetzungsvermögen, Empathie, Entscheidungsfreude und die Fähigkeit, andere zu begeistern. Die Botschaft dahinter ist verlockend einfach: Erfüllen Sie diese Punkte, dann führen Sie gut.
Doch garantiert eine festgelegte Liste von Stärken tatsächlich den Erfolg einer Führungskraft? Sollten wir uns an einer standardisierten Schablone orientieren? Ich bin überzeugt, dass dieser Ansatz zu kurz greift.
Teams und Organisationen sind zu unterschiedlich, als dass eine Schablone für alle passen könnte. Die Antwort ist unbequemer. Sie verlangt Selbstreflexion und ein tieferes Verständnis von uns selbst. Das fällt vielen Menschen schwer, weil wir uns dabei auch mit unseren Schattenseiten auseinandersetzen müssen. Persönliche Weiterentwicklung kostet Anstrengung und die Bereitschaft, über den eigenen Schatten zu springen.
Authentisch führen mit den eigenen Stärken
Jeder Mensch hat eine individuelle Mischung aus Stärken, ein persönliches Stärkenprofil. Viele haben jedoch verlernt, diesen Stärken zu vertrauen und sie weiter auszubauen. Stattdessen vergleichen wir uns mit anderen und versuchen, deren Stärken nachzuahmen. Das Ergebnis ist oft, dass wir unser Potenzial nicht ausschöpfen und uns erschöpft und unzufrieden fühlen.
Unsere Stärken machen uns einzigartig. Sie sind die Grundlage dafür, beruflich wie privat erfolgreich und zufrieden zu sein. Führungskräfte, die ihre eigenen Stärken kennen und bewusst einsetzen, führen authentisch und selbstbewusst. Genau das spürt ein Team.
Wenn Führungskräfte andere imitieren
In meiner Arbeit begegnen mir viele Führungskräfte. Diejenigen, die ihre Stärken kennen und nutzen, führen auf eine natürliche, fast mühelose Weise. Sie werden zu Vorbildern für ihr Team und für andere Führungskräfte.
Genau darin liegt jedoch eine Gefahr. Statt die eigenen Stärken zu entdecken, versuchen viele, erfolgreiche Führungskräfte zu kopieren und sich deren Stärken anzueignen. Das kostet enorm viel Kraft, und das Ergebnis bleibt meist Mittelmaß. Die Leichtigkeit geht verloren, das Handeln wirkt angestrengt und wenig authentisch.
Ein Muster begegnet mir dabei immer wieder. Eine Führungskraft mit ausgeprägten sozial-emotionalen Stärken, etwa Empathie, arbeitet in einem Unternehmen, in dem vor allem Durchsetzungskraft und schnelle Entscheidungen zählen. Um dazuzugehören, gibt sie sich härter, als sie ist. Sie entscheidet im Alleingang, wo sie das Team lieber einbezogen hätte, und überspielt, dass sie die Stimmung im Raum sehr genau wahrnimmt. Von außen soll das souverän wirken. Innen kostet es jeden Tag Energie.
Hinzu kommt, dass gespielte Härte selten überzeugt. Das Umfeld spürt, dass sie nicht echt ist. Mal wirkt sie schroffer als gemeint, mal knickt sie genau dann ein, wenn es darauf ankommt. Am Ende wird der Führungskraft ausgerechnet das abgesprochen, was sie so angestrengt zeigen wollte: Durchsetzungsvermögen.
Der Preis ist hoch. Die Führungskraft bleibt in einer Rolle stecken, in der sie bestenfalls Mittelmaß erreicht. Ihre eigentliche Stärke, Menschen zu lesen und Vertrauen aufzubauen, kommt kaum zum Zug, obwohl genau sie diesem Unternehmen oft fehlt.
Man kann sich das vorstellen wie einen Adler, der versucht, wie eine Ente zu schwimmen. Trotz großer Anstrengung wird er nie so gut schwimmen wie die Ente. Sobald er aber seine Flügel ausbreitet und fliegt, übertrifft er sie bei Weitem.
Dazu kommt die eigene Selbsteinschätzung. Wer sich ständig an den Stärken anderer misst, wird sich immer als schwach empfinden.
Beispiel: Kreativität und Wiederverwendung
Gut sichtbar wird das an Stärkenpartnern aus meinem Modell #STÄRKENSTÄRKEN. Führungskräfte mit der Stärke Kreativität sind leidenschaftliche Ideengeber. In Meetings greifen sie oft zum Stift, um ihre Gedanken am Whiteboard oder auf Papier festzuhalten. Ihre Stärke ist es, aus einem leeren Blatt etwas Neues entstehen zu lassen.
Führungskräfte mit der Stärke Wiederverwendung tun sich dagegen schwer, aus dem Nichts Neues zu schaffen. Ihre Stärke liegt darin, Bestehendes weiterzuentwickeln. Sie nehmen vorhandene Vorlagen oder Texte und formen sie in kürzester Zeit zum gewünschten Ergebnis um. An dieser Stelle wäre wiederum die kreative Führungskraft blockiert.
Beide Stärken bringen Neues hervor, nur auf völlig unterschiedlichen Wegen. Deshalb sind sie Partner. Wer die Stärke Wiederverwendung besitzt und versucht, eine kreative Führungskraft zu imitieren, erlebt vor allem Frustration und das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Beispiel: Leichtigkeit und Gewissenhaftigkeit
Ein zweites Stärkenpaar zeigt das ebenso deutlich. Eine Führungskraft mit der Stärke Leichtigkeit trifft Entscheidungen zügig und verliert sich nicht in Details. Sie akzeptiert, dass nicht alles perfekt sein muss und Fehler dazugehören. Eine Führungskraft mit der Stärke Gewissenhaftigkeit nimmt sich dagegen lieber mehr Zeit, damit Ergebnisse vollständig und fehlerfrei sind. Auf ihr Wort kann man sich verlassen.
Versucht die eine, wie die andere zu arbeiten, kippt es. Wer Leichtigkeit mitbringt und sich zur Perfektion zwingt, verliert Tempo und Energie und verheddert sich in Details, die keinen Unterschied machen. Wer gewissenhaft ist und sich zwingt, Dinge locker laufen zu lassen, fühlt sich unsicher und hat ständig das Gefühl, etwas Wichtiges zu übersehen. In beiden Fällen verliert die Führungskraft genau das, was sie stark macht.
Welche Stärken braucht eine Führungskraft also?
Ihre eigenen. Es geht nicht darum, einer vorgegebenen Liste zu entsprechen, sondern die eigenen, einzigartigen Stärken zu erkennen und bewusst einzusetzen. Nur so lässt sich wirklich wirksam führen. Ich kann jeder Führungskraft nur ans Herz legen, sich die Zeit dafür zu nehmen. Davon profitieren das Unternehmen, das Team und die Führungskraft selbst.
